Vortrag bei den Nürnberger Stadtverführungen 2018 zum Thema: Zeichen und Wunder. Lese-Zeichen und das Wunder der Bücher als Inspiration und Material.Wunder und Zeichen
„ Der schönste Moment beim Lesen ist der, bei dem die Worte vor den Augen verschwimmen und sich zu Bildern und Gefühlen formen“
Ein Wunder: aus einzelnen Schriftzeichen bilden sich Geschichten, Erzählungen und Träume. Das ist ja das Schöne am Lesen, das es wie Träumen ist. Und das Schöne am Träumen? Das es wie Lesen ist, wie durch Wunder entstehen Bilder im Kopf. Diese Bilder, Träume und Geschichten verwandeln sich auf wundersame Weise zu einem Teil von uns- und lassen uns zu einem Teil von dem werden, was wir gelesen haben. Bücher hinterlassen Lese-Zeichen in und auf unseren Seelen.
Was ist ein beglückender Lese-Moment? Wenn wir uns auf magische Weise- manchmal nach Jahren, eines Wortes, eines Satzes und eines schönen Gefühls aus einem Buch ent-sinnen. Wenn sich im ganzen Körper, dieses Glücks-Gefühl, dieser Geist der Begeisterung ausbreitet. Wenn die Bilder wieder vor unseren Augen auftauchen, Zeichnungen und Schrift-zeichen, die uns ganz in den lange ab-wesen-d geblieben Augen-Blick der Erzählung eintauchen lassen.
Emotionen, die uns ein Lächeln ins Gesicht zaubern- wie die Erinnerung an ein inniges Gespräch einem Freund, ein Gefühl wie der Nachklang eines ausgelassenen Lachens mit einem Gefährten.
Seelenbuch
„Sich zu mögen heißt, zu entdecken, dass man dieselbe Sprache spricht. Sich zu lieben bedeutet, in derselben Sprache zu dichten.” ( Kai Meyer, Die Seiten der Welt)
Wie findet man seinen Seelen Gefährten? Was macht ein Buch zu einem Seelen-Buch? Zu einem Buch das tiefe Zeichen, Codierungen und Piktogramme in uns verankert hat? Wie wird aus einem Gespräch ein Ohren-Kuss? Was ist ein Ohren Kuss? Man hört so vieles, und manches schwimmt von einem Ohr zum anderen- und wieder hinaus. Aber Ohren-Küsse oder tiefgründige Buch-Gefühle bleiben. Was muss das Buch uns schenken, um zur saum-seligen Erinnerung werden zu könne? Vielleicht liegt es nicht nur am Buch, sondern genauso am Leser? Vielleicht muss der Geschichte mit ganzer Hingabe gelauscht werden- dem Gespräch so intensiv zugehört werden, wie nur Momo es kann?
Lesemomente
„Denn Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen.“ ( Michael Ende, Momo)
Die Lesemomente der intensivsten Hingabe habe ich als Kind durchlebt: Als ich mit dem kleinen Wasserman unter-tauchte, als ich mit den Brüdern Löwenherz im Tal der Tränen versank und bitterlich weinte. Wildere Augenblicke, Hör-Momente un-be-schreib-licher Freiheit erlebte ich mit Ronja: als ich mit ihr den Frühlingsschrei brüllte! An-regende und auf-regend-e Leseerlebnisse voller lauter Laut-malerischen Elementen. Ruhige Sinn-erkennung in den Momenten der Stille, der leise Besuch im eigenen Herzen. So still, das nicht nur das Auge die Stundenblumen wachsen und welken sehen kann, sondern ruhig genug um auch dem Herz die Zeit zu schenken um die Musik zu hören. Diese Melodie, die wir nur mit Momo bei Mr. Hora kennen und lieben lernen dürfen.
Kinder
„ Ich habe nie andere Gefühle als Bewunderung, Liebe und Respekt, für Kinder empfunden. Für mich sind Kinder ein großes wunder, sie tragen mit ihrer Reinheit und Entrücktheit die Möglichkeit zu einem besseren Menschsein in sich.“ (Gottfried Helenwein)
Die Phantasie ist die große Stärke der Kinder, sie ist das Auge der Seele. Die Phantasie ist die Gabe un-sichtbare Dinge zu sehen. Un-be-schreib-liches und un-glaub-liches wie Zauber und Magie. Wer nicht an Zeichen und Wunder glaubt, der hat noch nie ein Buch gelesen. Oder ist kein Kind mehr.
Das Kind in meinen Bildern ist das Sinn-Bild der hingebungsvollen, versunkenen unmaskierten und verletzlich nackten Seele. Nur im Zustand der der un-vor-ein-genommenen Neugier und Freude können uns Wörter oder Bilder so tief berühren, dass sie uns zum Strahlen und Leuchten bringen. Es heißt ja: Kinder brauchen Märchen- aber ich sehe das eher so: Wir brauchen diese Wesen: die uns mit ihrem offenen Blick aus dem Dornröschenschlaf wach-küssen, diese un-vor-ein-genommen Seelen die uns an unser Versprechen erinnern. Sie zeigen uns unsere Sprach-losigkeit und schenken uns Sprache. Das Kind, das es ausspricht: Der Kaiser hat keine neuen Kleider an, der ist nackt! Das Kind, das uns in einer un-endlichen Geschichte den tiefen Ozean in einer Pfütze zeigt Das uns ohne Fabel vermittelt, das alle Reichtümer der Welt in einem einzigen Kieselstein zu finden sind. Nun, wie kann man be-seelt lesen, wenn man kein Kind ist? Ich schlage zur Rettung die Poesie der Gedichte vor.
Rettung
„Gedicht: Wer sich von einem Gedicht seine Rettung erwartet, der sollte lieber lernen Gedichte zu lesen. Wer von einem Gedicht keine Rettung erwartet, der sollte lieber lernen Gedichte zu lesen.“ (Erich Fried)
Der Zauber von Erich Frieds Gedichten hat mich als Erwachsene wieder gelehrt zu lernen Gedichte und Geschichten zu lesen. Und ich lege gleich noch einen Haiku nach:
Strauch mit herzförmigen Blättern: Sommerregen warm, enn ein schwerer Tropfen fällt, bebt das ganze Blatt. So bebt mein Herz, wenn Dein Name auf es fällt.
Erich bringt mein Herz zum Beben. Und Kai, Christoph, Audrey und Cornelia können das auch. Und ich könnte Ihnen noch mehr Autoren Namen be-schreiben. Kai Meyer hat mir auf den Seiten der Welt erklärt, das mein Seelen-buch mich finden wird und mir die Augen geöffnet: ich bin eine Bibliomantin! Durch Malfuria hat Christoph Marzi mich mit dem Wind fliegen lassen und mich neue Landkarten der Bücher zeichnen gelehrt. Mit Audrey Niffengger habe ich wunderbare Zeitreisen unternommen und mit ihr und ihren drei Schwestern die Liebe zur Radierung geteilt.
Flüstern
„ Gibs zu- das Buch flüstert dir Nachts seine Geschichte ins Ohr“(Cornelia Funke)
Cornelia Funke lässt meinen Seelenvogel fliegen und sie lässt mein Herz flattern. Ja, dieses Buch flüstert mit nacht-schwärmend und tag-träumend seine Geschichte ins Ohr …Eine wunder-volle Geschichte über Liebe, Bücher und die Liebe zu Büchern. Eine Geschichte, in der das bebende Herz auch ganz dunkel, düster und schwarz wie Tusche sein darf. So abgründig und tiefgründig wie Tintenherzen eben sind.
Wunder
Sprachverwunderungen: Schrift-Sprache, Bild-Sprache-Körper-Sprache und Kommunikation ( oder: das Wunder der Interpretation)
Jedes Mal, wenn wir ein gutes Buch aus der Hand legen und beginnen, den Faden der eigenen Gedanken neu zu spinnen, dann hat das Buch seinen beabsichtigten Zweck erreicht. Jedes Mal, wenn wir nach eine guten Gespräch die Sätze noch in unsern Köpfen hören und die Ideen auf fruchtbaren Boden fallen, dann war es ein bereicherndes Gespräch. Jedes Mal, wenn ein Bild in unserem Kopf bleibt und wir uns immer wieder daran erinnern- und es uns berührt, dann ist es ein gutes Bild. Die Worte Buch, Gespräch und Bild –sind eben von mir vor-gelesenen austauschbar, denn sowohl Bilder als auch Worte sind Wege und Ausdrucksmittel der Kommunikation. Kunst kommuniziert immer, Bilder erzählen Geschichten ohne Worte und setzten sich über unterschiedliche Sprachen, Sprach-schwierigkeiten und verschiedene Kulturen hinweg. So transportiert Kunst Kultur, Gefühle und Ideen. Durch die Betrachtung eines Bildes beginnen wir einen Dialog mit dem Werk –und einen inneren Dialog mit uns selbst.
Kommunikation
„ Man kann nicht nicht kommunizieren“ (Paul Watzlawick)
Unsere Gestik, Mimik oder unser Dessinteresse sagen immer etwas an oder aus. Und werden so vom Betrachter interpretiert und gedeutet. Wir Menschen erinnern uns weniger an das gehörte Gespräch oder das gelesene Wort, sondern an das Gefühl, dass es bei uns ausgelöst hat. Die Intensität der der ausgelösten Empfindungen geht dabei aber nicht nur allein vom Gespräch oder Kunstwerk aus. Emotionen entstehen durch das, was wir als Betrachter in uns haben. Und das gehört zu den größten, be-staunens-wertesten Wundern: Jeder von uns hört, liest oder sieht etwas völlig anderes.
Schweigen
„Mein schönstes Gedicht: Mein schönstes Gedicht? Ich schrieb es nicht. Aus tiefsten Tiefen stieg es. Ich schwieg es.“( R. M. Rilke)
Die vier Seiten einer Nachricht, Schulz von Thun: Jede Botschaft hat vier Seiten, und wir können sie mit verschiedenen Ohren hören. Wir können hören, was der andere über uns sagt, was er über die Sache an sich sagt, was er von uns erwartet, was er von sich selbst offenbart , welchen Apell er an uns hat und sogar wie er unsere Beziehung bewertet. Diese Ungleichheit in der Wahr-nehm-ung & Interpretation macht die Kunst der menschlichen Kommunikation so spannend. Und so unendlich schwierig.
Ich hatte einen Deutschlehrer der mir viele schöne Dinge in mein Herz geschrieben und gesagt hat. Er hat sich oft und gerne über meine allzu freie Art der Gedicht-Interpretation amüsiert. Ich habe diesen Lehremeister von ganzem Herzen ver-ehrt und be-schwärmt, aber: Meine Meinung über die Interpretation von Gedichten, Geschichten und Bildern konnte er nicht um-schreiben.
Geheimnis
„Es gibt in Wahrheit kein letztes Verständnis ohne Liebe.“ (Christian Morgenstern)
Für mich liegt das besondere Geheimnis und das einzigartige Wunder der Bilder und der Geschichten in ihrem offenen Geist. Das Schöne an Kunst, an einem Gedicht oder einem Kunstwerk ist für mich: das es un-be-schreiblich-unendlich- unterschiedliche Dinge auslösen kann. Über Beziehungen sagt man: Kein Mensch kommt ohne Grund in Dein Leben. Der eine ist ein Geschenk, der andere eine Aufgabe. Ich meine, das kein Buch und auch kein Kunstwerk ohne Grund in unser Leben kommt. Die einen sind Ratgeber, die anderen Zeitvertreib. Und die Besten sind: Zeichen und Wunder. Deuten muss sei jeder für sich selbst. Um sie zu lieben muss man sie nicht mit dem Kopf verstehen.
Stille
„ Ganz am Rand der Bücher ist eine Geschichte, die zu uns spricht. Aber ich antworte nicht, in diesem Buch ist die Stille König.“ (Agnès de Lestrade, Der Bär und das Wörterglitzern)
Kunst ist eine Form der Kommunikation und ihre besondere Schönheit liegt in der stillen Kommunikation. Starke Gefühle und Emotionen, alles was uns auf-wühlt und auf-regt, das regt uns an darüber zu sprechen. Wörter sind aber begrenzt, sie können nicht nur schubsen, kratzen oder wärmen und streicheln. Wörter und Beschreibungen können auch einengen und abtöteten.
Viele Menschen möchten Kunst erklärt bekommen oder verstehen. Aber vielleicht gibt es gar nichts zu verstehen? Die Suche nach einer Werk-erklärung beginnt oft mit der Frage/ Suche nach dem Titel. Aber der Geist ist nicht mehr offen, wenn die Worte das zu betrachtende zu sehr um-be oder zu-schreiben und erklären. Vielleicht ist ein Titel für ein Bild schon zu viel Erklärung?
Wort-Schatz-Suche
„Es gibt ein Land, in dem die Menschen fast gar nicht reden. In diesem sonderbaren Land muss man die Wörter kaufen und sie schlucken, um sie aussprechen zu können.“ (Agnès de Lestrade, Die große Wörterfabrik)
Sie er-ahnen es vielleicht- ich liebe Wörter und ich liebe Wort Spielereien. Beim „schriftzeichenmalen“ oder „ farbpunkteschreiben“ während der Arbeit an meiner neuen Werkreihe habe ich mich intensiv, radikal- von der Wurzel bis zur Haarspitze- und voller völliger Hingabe auf Wort-Schatz-Suche begeben. Ich habe nach Boten-Wörtern, nach Ohren Küssen, nach passenden, sinnhaften Wörtern gesucht und gegraben. Auf meiner Reise habe ich eine Schatztruhe gefüllt. Eine Truhe, randvoll mit wunder-schönen Wörtern. Was wollte ich bei dieser Suche finden? Ge-flügelte Worte, be-schreibende Titel, die die Arbeit beim meiner neuen Werkreihe der Schrift-zeichen die Widmung schenken. Wörter die glitzern und das Leinwandbild vollenden. Kleine Wortklaubereien.
Und ich habe sehr, sehr viel gefunden.
Sprachlos
„Die Wörter schubsen, kratzen und necken mich. Morgen werde ich stillenecken.“ (Agnès de Lestrade, Der Bär und das Wörterglitzern)
Ich lasse die Wörter dort, wo sie zu Hause sind: in ihrer Schatztruhe, mit-einander als Sätze vereint, vergraben im Sand, tief unten im Wörter-meer meines Herzens. Denn bei meiner Wort-Schatz-Suche habe ich so viel Schönes gefunden und wieder-entdeckt….aber vor allem be-funden:
Ich werde meine Schrift-Zeichen-Punkte nicht eingrenzen oder einsperren.
Ich wünsche mir, dass Sie genau das sehen und erkennen können, was sie bei Ihrer Bilder Suche finden wollen. Ich wünsche mir, das Sie in jedem Schriftzeichen, in jedem Wort etwas anderes ent-decken und ver-lesen können als ich.
Wünsche
Ich wünsche mir, dass Sie in jedem der pointierten Farb-punkte- und ich beteuere Ihnen: es sind viele- neue Gesichts-punkte auf-blättern können. Und ich wünsche Ihnen, dass Sie dabei viel kleine Wunder, Zeichen und Wunsch-Punkte finden werden.
Und ich wünsche Ihnen und mir, dass am Samstag das Sams kommt, dass es am Donnerstag donnert und:
das endlich der Brief aus Hogwarts ankommt!
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Link- und Lese lliste zum Vortrag:
Der kleine Wassermann, Otfried Preussler, Wikipedia
Die Brüder Löwenherz , Astrid Lindgren, Wikipedia
Ronja Räubertochter, Astrid Lindgren, Wikipedia
Ronjas Frühlingsschrei, YouTube
Momo, Michael Ende; Wikipedia
Momo im Herz, Filmausschnitt, YouTube
Momo, Buchtrailer
Gottfried Helnwein, hompage
Kinder brauchen Märchen, Bruno Bettelheim
Die unendliche Geschichte, Michael Ende
Die Seiten der Welt, Kai Meyer
Der Seelenvogel, Michal Snunit & Na’ama Golomb
Paul Watzlawick, Wikipedia
Schulz von Thun, die vier Seiten einer Nachricht, you tube video
Der Bär und das Wörterglitzern, Agnès de Lestrade , Buchtrailer
Die große Wörterfabrik, Agnès de Lestrade, Buchtrailer
Sams, Paul Maar
Harry Potter, Joanne K. Rowling
Brief aus Hoggwards, YouTube
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Wort-schatz-Suche, Pinterest
Das Gedicht „Mein schönstes Gedicht“ stammt nicht von Rilke, sondern von Mascha Kaléko. Ansonsten schöner Beitrag (den ich über die Suche nach diesem Gedicht gefunden habe).